Empathie = Wissen, was für den andern gut ist?

Wir gehen sehr oft von unseren eigenen Werten und unserem Lebensstil aus, um für andere zu beurteilen, was gut für sie wäre. Was wir gelernt haben, gilt in unserer eigenen Logik als richtig. Bei der Kindererziehung wird grosses Gewicht auf Umgangs- und Verhaltensregeln gelegt. Bei Erwachsenen ist es das Vermitteln von Know-how, um Erfolg zu fördern. Beides soll unterstützend wirken. An und für sich eine gute Sache. Dahinter steckt der Wille, selbst gemachte Erfahrungen, die wir als gut einstufen, andern zu vermitteln – allerdings oft, ohne sich wirklich Gedanken zu machen, ob dies für den anderen auch förderlich ist.

Fehlende Empathie: Follow the rabbit-proof fence – eine wahre Geschichte

Doris Pilkington war eine Aborigine-Schriftstellerin. Im Alter von 4 Jahren wurde sie mit den beiden Schwestern Molly und Daisy Craig – sogenannte Mischlingskinder (ihre Mutter ist eine Aborigine, ihre Väter waren weisse Wanderarbeiter) – 1931 von ihrer Mutter zwangsgetrennt und zusammen in ein Erziehungsheim nahe Perth gebracht. Das lag rund 2000 Meilen von ihrer Heimat Jigalong entfernt. Verantwortlich dafür war der Chief Protector of Aborigines A. O. Neville, der westaustralische Leiter der Behörde für Aborigine-Angelegenheiten.

Er verfolgte damit das ihm vom Gesetz vorgegebene Ziel, Aborigine-Kinder und Mischlinge durch Entfremdung von ihren Wurzeln besser zu Hausangestellten und Farmhelfern für die «weisse Herrscherklasse» ausbilden zu können. Zu «ihrem Wohle». Eine aus der damaligen Gesellschaft «gute Absicht», die sich aber nie mit den Lebensgewohnheiten der Ureinwohner von Australien auseinandergesetzt hat. Der Lebensstil der Weissen war massgebend. Die drei Kinder wagten schliesslich die Flucht, die im Roman «Follow the rabbit-proof fence» (Filmdrama: «Der lange Weg nach Hause») eindrücklich beschrieben wurde. (© Wikipedia.org)

Was ist gut für andere?

Wir leben jetzt in einer anderen Zeit. Das Blatt hat sich gewendet. Europa wird von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen überschwemmt. Im Vergleich zu obigem Beispiel eine umgekehrte Situation. Menschen flüchten nach Europa und wählen bewusst eine andere Kultur. Die Meinungen, was diese Menschen nun hier alles machen müssen, um integriert zu werden, gehen weit auseinander. Vermutlich lässt sich diese Frage nie abschliessend beantworten. Weil das Ganze ein Prozess ist, an dem wir alle mit beteiligt sind. In diesem Artikel hier geht es vielmehr darum, dass die Mischung von Mitarbeitern verschiedener Kulturen auch am Arbeitsplatz grosse Auswirkungen haben. Die Frage, was gut für den andern ist, muss bei jedem Menschen neu gestellt werden. Warum? Weil Empathie Vertrauen ermöglicht und so die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erhöht. Daraus entsteht Motivation und die treibt positiv voran.

Interkulturelle Coaching-Kompetenz

Natürlich haben wir hier unsere Gesetze, haben Unternehmens-Regeln, an die sich Mitarbeiter aus andern Ländern und Kulturen auch halten müssen. Doch andersartige Denkweisen lassen sich nicht einfach so «wegdenken». Sie müssen zuerst zugelassen und verstanden werden, bevor sie schrittweise integriert werden können oder sich anpassen. Andere Denkweisen erkennen, neue Sichtweisen entdecken und so gangbare Wege für alle Kulturen finden, ist oft auch Sache eines Coaches oder betrieblichen Mentors (interkulturelle Coaching-Kompetenz). Empathie ist nur eines seiner Werkzeuge, um Einzigartigkeit zuzulassen, ja sogar zur fördern und so begleitend einzigartige Wege zu ermöglichen.

Basis: Sich selbst treu bleiben. Gleichwertigkeit.

Veränderung, Lebensstile, andere Denkweisen sind nicht nur Themen von Menschen aus anderen Kulturen. Kultur wird in jeder Familie geprägt. Jede Firma hat eine Unternehmenskultur, die für die einen Mitarbeiter förderlich ist, für die anderen wirken diese eher wie eine gezogene Handbremse. Veränderung ist nur schrittweise möglich, dann, wenn gegenseitiger Respekt für die Einzigartigkeit, sprich die Gleichwertigkeit, die Grundlage bildet. Gleichwertigkeit ermöglicht gegenseitige Empathie aller beteiligten Parteien. Sie ist ein wirksames Coaching-Tool von Coach und betrieblichen Mentor. Sie bildet die Voraussetzung für Veränderungen. Sie ermöglicht, sich selbst zu bleiben und unterstützt, wenn man das eine tun muss und das andere nicht lassen will.

Empathie bedeutet: Erkennen, wie es der andere auf seine eigene Art und Weise lösen könnte.